Archiv für Jirô Taniguchi

Le journal de mon père

Posted in Manga, Meinung, Review with tags on April 25, 2010 by austrofrenchie

Leider wurde der mir hier vorliegende Manga noch nicht ins Deutsche übersetzt. Dennoch möchte ich es gerne besprechen, weil ich es für ein großartiges Stück Comiclitteratur halte.

Le journal de mon père heißt direkt übernommen das Tagebuch meines Vaters, das Leben meines Vaters wäre aber meiner Meinung nach passender. Le journal de mon père ist ein Manga von Jiro Taniguchi, und er ist gut. Sehr gut sogar.

Jiro Taniguchi bekommt anscheinend seit neuestem in der US-amerikanischen, aber wohl auch vereinzelt in der deutschen Comicszene, etwas Aufmerksamkeit. Ich habe das Glück, dass meine Schulbibliothek jede Menge seiner Arbeiten hat, die in Frankreich wohl um einiges populärer sind, als im Rest der Welt.

Das Leseerlebnis, das ich hatte, war unglaublich. Taniguchi ist wirklich ein Meister seines Faches. Es scheint als ob er für sequenzielle Kunst geschaffen ist. Er hat es wirklich geschafft, mich, den Rohling, total mit den Menschen in diesem Manga mitfühlen zu lassen, obwohl es total aus dem Leben gegriffen ist und das Leben solche Geschichten jeden Tag schreibt. Es war so dermaßen gut gemacht und wertvoll, dass ich es nach dem Lesen sofort meiner Mutter geborgt habe, die es verschlungen hat. Dieser Manga hat mir bewusst gemacht, wie viel die Leute in meinem Umfeld für mich machen, auch wenn es nicht so scheint. Und das ohne jeglichen Pathos oder so, es war einfach gut.

Wow. Ich bin jetzt noch total umgehauen. Das ist ein Manga voller Erkenntnisse über das Leben, über den Wert von Familie, über Verantwortung, also kurz gesagt alles Wertvorstellungen an die ich nicht glaube. Aber hier war es absolut glaubwürdig.

In der Geschichte geht es um einen Mann, der nach dem Tod seines Vaters nach Jahren wieder in sein Heimatdorf kommt. Nach und nach bekommt er eine ganz andere Perspektive auf seinen Vater, den er früher sehr negativ in Erinnerung hatte. Die ganze Familie tauscht Erfahrungen aus und der Protagonist wird sich nach und nach bewusst, wie sehr er sich geirrt hat.

Spannend ist es in dem Sinne nicht, aber irgendwas an Taniguchi macht, dass man weiterlesen musst. Es liest sich total flüssig und weil man total mit den Figuren mitfühlt, konnte ich es nicht aus der Hand legen.

Es gibt so eine Figur im Manga, die einem klar macht, dass lieb und nett sein allein nicht genügt, und im Endeffekt der Vater, der sein ganzes Leben geschuftet hat und sich sehr selten um seine Kinder kümmern konnte, ihnen doch viel mehr Liebe gegeben hat als die selbstsüchtige Mutter, die wohl die viel herzlichere Person ist. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.

Generell ist Taniguchi ein Meister darin, zu zeigen, wie vielseitig auch durschnittliche Menschen sind. Die Schwester zum Beispiel kommt eigentlich sehr wenig zu Geltung und doch hat die Erkenntnis, wie viel sie in Wirklichkeit bewirkt hat, bei mir auch zum Lesen dazugehört.

Seine Zeichnungen sind aber wohl die absolute Krönung. Sie sind unglaublich gut, sie strahlen so eine Ruhe aus, bringen alles auf den Punkt. Das ist sicherlich das beste, was ich jemals in einem Manga gesehen habe. Der Strich ist ganz klar, es ist alles total realistisch und doch total ungewöhnlich für einen Manga. Taniguchi fängt total den Moment ein, und das sage ich nicht nur so. Jedes Panel ist eine Augenweide und von der Ausführung her perfekt. Es ist stellenweise einfach wie das wahre Leben.

10/10 und absolute Kaufempfehlung für alles von Jiro Taniguchi. Macht euch gefasst auf jede Menge Lobeshymnen meinerseits hier im Blog.

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